Something Forever

-Kapitel 3 Teil 1/5 -

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Sir George und die Yogis

Lieber Leser, hier im dritten Teil bewegen wir uns nun in eine Richtung hin und zu einem Aspekt, der gerne auch zu den wahren echten Herzensanliegen von George Harrison gezählt wird. Georges Beziehung zu den Krishna-Yogis soll hier mal ganz im Kontext der damaligen Zeit ein kurzes Aufleuchten erfahren, gleichwohl werden wir diesen Aspekt in Meister Harrisons Leben weiter verfolgen und schauen, ob Sir George Son Of Hari die weitere Verwandlung zum Phönix betreibt.!

Bevor ich mir diesen Abschnitt in Meister Harrisons Leben vornahm, besuchte ich den beliebten, stets positiv geladenen Dr. Ko, ein super Psychiatrist-Analysist und -Alienist mit einem sehr guten Karma. Beim üblichen Warten in freundlicher Umgebung streifte mein Blick über die Literatur, die wie in Wartezimmern üblich, nett drapiert auf einem Tischchen lagen, und blieb beim nett aufgemachten Pranahaus-Katalog hängen. Alles Gute für Körper, Geist und Seele, las ich da, und machte die Erfahrung, dass man einen guten New-Age-Versand-Katalog sogar noch besser machen konnte. Beim Amrita-Katalog war ich ja schon erstaunt, aber hier kam jetzt ja wohl mit pranahaus.de die wirkliche Krönung der Erschöpfung im Bereich des esoterischen Spektrums unserer Tage. Oh wie verführerisch, entfuhr es mir, und oh wie sehr ist dies auch ein Zeichen menschlicher Erschöpfung, wie sehr ein Zeichen fortschreitender Individualisierung und von fortschreitender eigener Erleuchtung.




Die Krone der Erschöpfung


Nicht nur fand ich hier Eduard Schures unsterbliches theosophisches Meisterwerk "Die großen Eingeweihten" in schöner Neuauflage und guter Einleitung, sondern auch zu meinem Verblüffen die Werke von Svami Paramahansa Yogananda. Ich erinnerte mich daran, dass George Harrison ganz begeistert war von seinem Buch "Die Autobiographie eines Yogi", und ich sah, dass Yogananda ein Buch geschrieben hatte mit dem Titel "Der Yoga der Bhagavad Gita", was mich wiederum sehr ansprach, weil die sagenhafte Bhagavad Gita (eine Art Hindu-Bibel) die esoterica maximus für uns Hindus darstellt.

Gott spricht mit Arjuna, und Yogi Yogananda enthüllt in seinem Werk das innerste Wesen der Bhagavad Gita. Eine kurzgefasste Einführung in die spirituellen Wahrheiten der beliebtesten aller heiligen Schriften Indiens. Ja, George Harrison hatte immer schon einen guten Geschmack, ein gutes Gespür für die wirklich großen Yogis und Svamis seiner Epoche, nur sie sprachen ihn an und wurden zumeist Freunde und oder seine ewigen wellwisher.

Beim Durchblättern und Staunen über das wirklich gut ausgesuchten Inhalt des Kataloges kam mir unwillkürlich der Song der Beatles in den Kopf, "Can't Buy Me Love", und ich erinnerte mich irgendwie an eine super Parodie von Peter Sellers, wo er mit sich im Duett singt, "but money, money can't buy me love", grandios gespielt von Sellers. Genau das aber verspricht uns der Katalog pranahaus.de, nämlich mit Geld könnten wir uns die wirklich wichtigen Dinge des materiellen Lebens, sprich Sex, Wohlstand und Prestige, Haus, Hof und Kinder und vieles andere mehr, leisten, aber die Wahrheit ist, but money, money can't buy you love.!

Bei all der schönen Vielfalt, bei all den tollen Angeboten und supergünstigen Preisen, den Schnäppchen, dürfen wir eines nie vergessen, es ist doch immer die ehrliche & aufrichtige Einfalt des Herzens, die uns hilft, nächstenliebend zu werden und das Leben mit offenen Armen zu bejahen.!





(Peter Sellers "Can't buy me Love" bei YouTube)







Druiden und Schamanen

Dr. Ko. war wie immer eine Quelle der Inspiration und Motivation, und er bestätigte, dass meine chronische Ataraxie in meinem speziellen Falle das beste Arkanum sei, um die Geschichte von Sir George etwas weiter auszudeuten. Mein Einwand, dass ich ja viel preisgebe von den intimsten Gedanken und Gefühlen, die mich und Sir George beschäftigten und den Leser eventuell überfordern würden, tat er ab mit dem Hinweis, der Sinn dieser Schreibtherapie sei es ja, die in mir schlummernden Erinnerungen frei zu lassen, um Platz und Raum zu schaffen für neue Eindrücke und Erkenntnisse, ich möge die Geduld haben, und Schritt für Schritt vorgehen, denn ein altes indisches Sprichwort besagt: "Dem Geduldigen laufen die Dinge zu, dem Eiligen laufen sie davon, und die Zeit verlängert sich für diejenigen, die sie zu nutzen wissen.!" Außerdem, erwiderte ich, kämpfe ich mit dem Umstand, das vieles aus meinem ursprünglichen Manuskript, was einen zu privaten Charakter hat, ja von mir weggelassen wird, weil ich glaube, dass es vielleicht zu intim sei für den Leser. Auch diesen Einwand konterte Dr. Ko. mit dem Hinweis, dass ich mir ja nach meinem virtuellen Auftritt überlegen könnte, eine Veröffentlichung auf Papier ins Auge zu fassen, wo ich dann das gesamte vollständige Manuskript, mit all meinen familiären Dingen, den Affären und meinen ganzen hippieesken Drogenfesten aufarbeiten könnte, die zu meiner bizarren skurrilen Vergangenheit gehörten. Sehen Sie es positiv, meinte Dr. Ko. lassen Sie ihren positiven Ja-Gedanken freien Lauf, bejahen Sie die Umstände und schreiben sie sich das Herz frei.! Alle Welt will doch dazu lernen, sich von dem Dunkel der Unwissenheit befreien. Unser ganzer menschlicher Fortschritt deutet genau in diese Richtung, egal ob es um materiellen, spirituellen oder um technischen Fortschritt geht, um Neues zu lernen sind wir hier, das ist der ganze Sinn des Lebens, unseres Daseins, unseres ganzen Hier- und Jetzt-Seins. Neues zu lernen und unser Bewußtsein zu erweitern, und das nicht nur, nein, auch um es gehörig zu erheitern.! Ich dachte mir, sein Wort in Gottes Ohr, hier sprechen die alten Weisen aus dem Doktor. Und im Grunde sind ja die heutigen guten Psychologen, Psychiater und Seelsorger die Druiden und Schamanen der Vergangenheit. Siehe Eugen Drewermann, oder den Dichter Hermann Hesse, Rabindranath Tagore oder auch Friedrich Rückert, in seiner Weisheit des Brahmanen, sie alle sind sowas wie die heutigen modernen Schamanen.!

Zurück zu den musikalischen Medizinmännern & ihren modernen Bräuchen. Ja, kehren wir nun zurück ins Beatles-Hauptquartier in der Baker Street, Ecke Paddington Street, wo ein junger Krishna-Yogi aus Amerika sehnsüchtig darauf wartet, einen der Beatles mal persönlich zu sprechen.






A kind of spiritual revolution

Im Apple Tower machte Beatle George zwischenzeitlich im Frühjahr 1969 die Bekanntschaft mit dem Krishna-Devotee Syamasundara Das, der auf Anweisung seines Gurus nach London gekommen war, einen Tempel zu eröffnen. Syamasundara wartete stundenlang im Apple Tower auf die Möglichkeit, mit einem der Beatles zu sprechen. Er erinnerte sich daran, dass die Beatles 1968 100 Stück der Mantra-LP "Krsna Consciousness" geordert hatten, auf welcher ihr Bhaktivedanta Swami mit den Devotees sang und einen schönen Purport über das Chanten und Singen der heiligen Namen zum Besten gab. Dieser Purport hatte Beatle George und John sehr angesprochen und ihr Interesse geweckt an Bhaktivedanta Swami Prabhupada.

Yogesvara alias J.M. Green erinnert sich in seinem Buch "Here Comes The Sun" (*):
"Nachdem die Beatles eines ihrer stundenlangen Geschäftsmeetings beendet hatten, erschien George als einer der ersten im Foyer, wo immer allerlei Gäste, Presse und Leute warteten, die etwas von den Beatles wollten. George schaute sich um und steuerte zielgenau auf Syamasundara zu, um mit einem lächelnden Ausdruck im Gesicht zu fragen, "... were have you been? Hare Krishna", sagte er und lächelte den verblüfften Amerikaner an. "Wo bleibst du denn.? Ich habe darauf gewartet, dich einmal zu treffen." George setzte sich, und der Krishna-Jünger stellte sich mit seinem spirituellen Namen vor. Shyamasundar, so sagte er, bedeute "Ein Diener Krishnas mit einem dunklen Teint (Shyama), der sehr schön (sundar) ist."

George wandte sich zu den Leuten um, die sich im Raum verteilt hatten. "Kennst du all diese Leute", fragte er. Shyamsundar nickte in Richtung der Hell's Angels und sagte, dass er sie aus Haight-Ashbury kenne, wo er "gemeinsam mit einer Reihe anderer Exfreaks wie mir" zu einem Jünger des Swami Prabhupada geworden sei. George lachte und sagte, er kenne Prabhupada von dessen Aufnahmen der Krishna-Gesänge. Er sei sich sogar ganz sicher, dass ihm das Hare-Krishna-Mantra auf einem Flug von San Francisco nach London einmal das Leben gerettet habe. Der Amerikaner erklärte, dass er, seine Frau und zwei weitere Paare zurzeit in einem leeren Lagerhaus lebten, und dass sie jedoch planten, eines Tages in London einen Tempel zu eröffnen. George wollte mehr über ihren Guru erfahren, und der Amerikaner erklärte, dass Prabhupada in einer Linie von Meistern stand, die sich bis zum Beginn der Schöpfung zurückverfolgen ließ, als Brahma, das erste Lebewesen der Schöpfung, direkt von Lord Krishna mit göttlichem Wissen ausgestattet wurde.






(Tulsibeatz "Die große Überfahrt" über Srila Prabhupadas erste Reise nach Amerika bei YouTube)








The Fountainhead of Godhead

"Was ich aber nicht verstehe, ist, warum eigentlich nur Krishna?", fragte George. "Ich meine, es gibt doch auch Shiva, Ganesha und Brahma." Er nannte weitere Gottheiten des indischen Pantheons. Zumindest nach allem, was er bisher gelesen hatte, war Krishna nur eine von vielen Erscheinungsformen (Inkarnation) einer gestaltlosen höheren Energie. "Sie sind alle ein und dasselbe, nicht wahr"?, fragte er. "Warum singt man dann nicht 'Hare Shiva' oder sowas?" Die Anhänger huldigten Krishna als der ursprünglichen Verkörperung Gottes, sagte Shyamsundar, als dem Quell, aus dem alle  weiteren Gottheiten entstanden sind. Shiva, Ganesh, Brahma und andere Persönlichkeiten würden wie Götter verehrt, als Gehilfen, doch nur Krishna würde von den Krishna-Anhängern als Ursprung allen Seins anerkannt. Krishna sei von einzigartiger Schönheit, und in der religiösen Tradition Indiens würde die unpersönliche Energie Gottes von dieser äußerst attraktiven Erscheinungsform auf die hinteren Plätze verwiesen.
"Das ist wie jetzt gerade: Was würde ich da vorziehen?", sagte Shyamsundar. "Bekifft in meiner Bude zu sitzen und mir deine Musik anzuhören, oder dich hier persönlich zu treffen und mit dir zu lachen? Deine Musik ist klasse, aber ich bin lieber hier und unterhalte mich persönlich mit dir." George erzählte Syamasundara, dass er beim Hören von der LP "Krsna Consciousness" eine Offenbarung hatte, dergestalt dass er fühlte, wie sich eine Tür in seinem Unterbewusstsein öffnete, und wie es ihn aus einem vorangegangenem Leben an etwas erinnerte, das ihm so vertraut erschien und diesen Mantra-Sound in sein Herz aufnahm wie etwas ganz Vertrautes und ganz Natürliches.

Auf Anhieb war Verständnis und Zuneigung füreinander da, George Harrison erzählte von seiner Liebe und seiner Zuneigung für Indien und den Hinduismus, er berichtete, wie er schon 1966 sein erstes Ravi Shankar-Konzert in der Royal Albert Hall besuchte und seine Leidenschaft für die Sitar entdeckte. Er berichtete, wie wunderbar es war, auf einmal wieder ein Schüler, ein Student der Sitar zu sein unter der Aufsicht seines neuen Mentors, des Sitar-Virtuosen Ravi Shankar. Eine lebenslange devote Hingabe prägte von da an diese spezielle Musiker-Freundschaft zwischen George Harrison und dem eher väterlichen Ravi Shankar.





("Hare Rama Hare Krishna" bei YouTube)






Yogesvara Prabhu erinnert sich in "Here Comes The Sun" (*)an eine weiterführende Begebenheit:

"George hatte Shyamsundar mit großem Interesse zugehört und nickte interessiert. "Wenn du Zeit hast, unterhalten wir uns am Sonntag bei mir zu Hause weiter." Er kritzelte eine Anfahrtsskizze auf eine Serviette, sprang auf und winkte zum Abschied und sagte leise Servus. Shyamsundar blieb stehen und starrte ungläubig auf die Serviette, nun hatte er wirklich ein Date mit George, es war unglaublich. Am folgenden Sonntag begrüßten George und seine Frau Pattie den kahl geschorenen Amerikaner in ihrem Haus im Vorort Esher. Shyamsundar fuhr mit einem klapprigen Kleintransporter vor - die Spende eines verständnisvollen Inders, sagte er. Die Drei zogen sich ins Arbeitszimmer zurück, wo das Sonnenlicht durch große Fenster hereinfiel, die vom Boden bis zur Decke reichten. Der Duft von Sandelholz erfüllte den Raum. Sie setzten sich auf Kissen und unterhielten sich eine Weile lang zwanglos. Der dreiundzwanzigjährige Amerikaner sagte, er sei ein Fulbright-Stipendiat und Skiprofi gewesen, habe jedoch im akademischen Leben und auf den Pisten keine Erfüllung gefunden. Er habe in einem Feuerwachturm mit Blick über die Wälder von Oregon gewohnt, Bücher über östlichen  Mystizismus gelesen und sich gefragt, was wohl als Nächstes geschehen würde, als ein alter Kumpel vom College daherkam und ihn davon überzeugte, Srila Prabhupada in Haight-Ashbury aufzusuchen. Als er hörte, wie Srila Prabhupada über den Gruppengesang und die Bhagavad Gita sprach, habe ihn das davon überzeugt, dass sein gesamtes bisheriges Leben nur eine Vorbereitung auf ein Bewusstsein in Krishna gewesen war.

George war begierig auf diese Art philosophischer Diskussion. "Ich will wissen, was es mit all dem auf sich hat", sagte er. "Dich zu treffen und von Krishna und Srila Prabhupada zu erfahren, geschieht zu einem perfekten Zeitpunkt in meinem Leben. Es verändert sich gerade eine ganze Menge. Mein Kopf ist voller Einzelteilchen und Bruchstücke, doch so, wie du es erklärst, scheinen sich all diese Teilchen endlich zu einem Bild zusammenzufügen.! "

Shyamsundar zitierte einen Text aus dem Sanskrit, der besagt, dass Gott einen Lehrer schickt, um einem den Weg zu weisen, wenn man wahrhaftig nach ihm sucht. Er erzählte von seiner eigenen Begegnung mit Srila Prabhupada und wie sie sein Leben verändert hatte. Pattie servierte Tee auf einem Tablett und folgte dem Gedankenaustausch. George fragte, wie die Jünger ihre Bestimmung nach dem Tode sehen. Wenn man Sri Krishna mit voller Hingabe (bhakti yoga) gedient habe, sagte Shyamsundar, dann würde die Seele im Augenblick des Todes von der Last weiterer Wiedergeburten befreit und zu Sri Krishna in die geistig-spirituelle Welt zurückkehren. Pattie stand auf. "Ihr macht das mit eurem Gesang", sagte sie zu dem Amerikaner, während sie wieder Richtung Küche ging. "Andere Leute erreichen das durch Meditation oder irgendeine Art von Yoga."

Pattie bereitete ein paar kleine Speisen zu, während George eine Frage nach der anderen stellte. Sie sprachen über Indien und den Hinduismus, über die Beatles und über Georges Verlangen nach einem erfüllteren Leben. Es dauerte über eine Stunde und bedurfte mehrerer Teller vegetarischer Köstlichkeiten, bis die Konversation langsam ins Stocken geriet. George bewunderte die Fähigkeit des Amerikaners, mit einem Lachen auf sein Leben zurückzublicken, und man mußte ihn nicht extra auffordern, mitzulachen. George legte eine Platte von Bob Dylan auf und erzählte einige Anekdoten, die sie gemeinsam erlebt hatten. Shyamsundar schickte sich nun an zu gehen und lud George ein, ihn und die anderen Anhänger von Srila Prabhupada in ihrem Lagerhaustempel zu besuchen. Freudig nahm George die Einladung an. Sein Leben als Beatle habe ihm gezeigt, dass da draußen irgendeine höhere Macht existiere, sagte er, die ihm die Freiheit und den Mut gegeben habe, dies für sich selbst herauszufinden. Es sei eine gute Gelegenheit, die man sich in einer Millionen Leben verdient habe. Insbesondere nach seinem Besuch in Haight-Ashbury fühlte er sich in der Verantwortung, ein gutes Beispiel für andere abzugeben. "Wenn ich diese Gelegenheit nicht ergreife", sagte er, "dann verschwende ich doch mein Leben, oder etwa nicht?"

Um fünf Uhr an einem frostigen Winternachmittag fuhr George mit seinem Porsche zu dem Lagerhaustempel der Krishna-Jünger, bekleidet mit Jeans und einer flauschigen Afghanenjacke. Er stieg aus und blickte nach oben. Einige Krishna-Anhänger winkten ihm aus einem offenen Fenster im zweiten Stock zu. Shyamsundar erschien an der Eingangstür und begleitete George die Stufen hinauf. Als sie sich dem Loft näherten, roch George den Duft von Ringelblumen, gemischt mit einem Hauch von Kreuzkümmel und Senfkörnern. Er zog seine Schuhe aus und betrat einen großen, weitläufigen Raum, in dem fünf Amerikaner zusammenstanden. Shyamsundar stellte ihm seine Frau Malati und ihre kleine Tochter Sarasvati vor. Mit ihrer freien Hand legte Malati George einen Kranz aus Ringelblumen um den Hals. George legte als Zeichen des Dankes die Handflächen aneinander, wie er es in Indien so oft gesehen hatte, und sagte Namaste. Eine Frau mit warmen Augen und Händen voller Mehl kam aus dem Küchenbereich im hinteren Teil des Lofts. Shyamsundar stellte George Jamuna vor, die ihn mit einem freudlichen Lächeln und einer leichten Verbeugung begrüßte und dann zu ihrem Gemüse zurückkehrte, das sie in einem Wok zubereitete. Als sie die Beignets hineinlegte, machte der Teig ein Geräusch, als hätte man in der Ferne einen Knallfrosch angezündet. Einer nach dem anderen traten weitere Krishna-Anhänger vor. George schüttelte auch Mukunda die Hand. Er kniff die Augen zusammen und versuchte, den Namen einzuordnen. "Hast du mir nicht vor einiger Zeit einen Brief geschrieben?" fragte er. "Ich glaube, es ging um Mantras." Mukunda schien verblüfft. Sein Brief hatte George tatsächlich erreicht, und er erinnerte sich sogar daran. Er nickte, und ein breites Grinsen überzog sein Gesicht.

Gurudas, ein großer Jünger mit Apfelbacken, stellte sich selbst vor. Er sei fünf Jahre lang auf den Friedensmärschen mit Doktor Martin Luther King in Alabama unterwegs gewesen, sagte er, bevor er nach San Francisco zurückgekehrt sei, um sich für die Menschen in den Slums der Stadt einzusetzen. George breitete die Hände aus, um der Gruppe anzudeuten, "ich habe letzten Sonntag ein Bild von euch allen in der Times gesehen - das Baby kaute gerade an euren Perlenketten", sagte er und wandte sich Sarasvati zu. "Du sahst so, na ja, so transzendental aus." George wußte um die Wirkung, die er auf andere Menschen hatte, und sprach mit weicher Stimme, wie um ihnen zu versichern, dass er nicht hier war, um über sie zu urteilen oder weil er privilegiert und außergewöhnlich erscheinen wollte, sondern nur, um ihre Gesellschaft zu genießen und vielleicht etwas zu lernen. Jahre später erinnerten sich die Anhänger noch daran, wie ungemein zurückhaltend George bei jenem ersten Treffen gewirkt hatte. "Komm herein und sieh dir unseren Altar an", sagte Gurudas. Auf einem mit Tüchern bedeckten Regal an der hinteren Wand des Lofts standen rahmenlose, postkartengroße Fotos von kahl geschorenen Männern in langen Gewändern. In kleinen Messinggefäßen brannten Kerzen und Weihrauch. Auf dem Altar standen zwei zwanzig Zentimeter große Messingfiguren, eine männliche und eine weibliche, gekleidet in kunstvoll gearbeitete Miniaturgewänder, die mit Pailletten und bunten Steinen besetzt waren. Gurudas erklärte, dass die Krishna-Tradition sowohl eine weibliche als auch eine männliche Erscheinungsform Gottes kannte. Die Gläubigen, so sagte er, verehrten Radha, die feminine Seite Gottes, mit noch größerer Ehrfurcht als Sri Krishna selbst. "Hare ist ein anderer Name für Radha", sagte Gurudas. " Das Mantra Hare Krishna bittet Radha, uns in den Dienst für krishna einzubeziehen. Und wenn Radha Krishna bittet, jemanden aufzunehmen", fuhr er mit einem Grinsen fort, "dann kann Krishna das ja wohl schlecht ablehnen."

In Indien hatte George größere Ausführungen der Gottheiten Radha und Krishna gesehen. Die Gottheit Radha war lächelnd dargestellt. Die rechte Hand hielt sie in Höhe der Hüften mit der Handfläche nach außen, um Betrachter zu segnen. In ihrer Linken hielt sie eine winzige Lotusblüte aus Messing. Das Bildnis Sri Krishnas hatte einen Fuß lässig über den anderen gelegt. Vor seinen Lippen hielt er eine Miniaturflöte aus Messing in den Händen, als wolle er gleich zu spielen beginnen. Ihre Hälse schmückten kleine Blumenkränze, und auf ihren Messinggesichtern flackerte das Kerzenlicht. Auf dem Altar stand auch ein kleines Gemälde, das eine goldene Gestalt mit wie in Extase erhobenen Händen zeigte. "Das ist Krishna Chaitanya, der goldene Avatar", sagte Gurudas. "Krishna Chaitanya begann im sechzehnten Jahrhundert in Bengalen mit den Straßengesängen. Eines Tages sangen wir in San Francisco auch im Freien, so wie es Chaitanya getan hatte. Als ihr Guru Srila Prabhupada davon hörte, sagte er : "Der heilige Chaitanya hat euch dazu inspiriert", und forderte uns auf, den Straßengesang fortan täglich zu praktizieren. Als wir nach London kamen, haben wir also einfach nur getan, was wir in den Staaten bisher auch getan hatten. Es mag in einem gewissen historischen Zusammenhang stehen, aber wir tun es hauptsächlich deshalb, weil wir uns dabei gut fühlen und es den Leuten auf der Straße scheinbar gefällt."

George beugte sich hinab, um die Fotos, die in einer Reihe auf dem Altar arrangiert waren, genauer zu betrachten zu können. "Das sind dann wohl eure Gurus?" Mukunda nickte und nannte den Namen jedes Gurus in historischer Reihenfolge. Ein paar Krishna-Jünger kamen aus der kleinen Küche des Lofts. Sie trugen Tabletts mit kleinen Portionen Essen in Geschirr aus rostfreiem Stahl und stellten sie auf den Altar. Yamuna verbeugte sich und brachte die Speisen unter Gebeten den Gottheiten dar. Anmutig kniete sie nieder und berührte mit ihrem Kopf den Fußboden. Ihre Unterwürfigkeit hatte nichts Demütigendes an sich, es war ihr nicht peinlich, eine solche Geste der Bescheidenheit vor jemandem auszuführen, den sie eben erst kennengelernt hatte. George sah mit stiller Bewunderung zu. Nach fünfzehn Jahren in der Gesellschaft egoistischer Musiker und selbstsüchtiger Geschäftsleute, die er "Schlurfer" nannte, war ihm eine solch vorbehaltlose Hingabe fremd. Mukunda nahm eine beidseitig bespannte Mridangatrommel in die Hand. "Lasst uns einen Kirtan singen, während Krishna isst." Kissen wurden herumgereicht, und alle setzten sich im Schneidersitz in einem Kreis um den Altar.

Gurudas öffnete eine rechteckige hölzerne Kiste und hob ein Tasteninstrument heraus, das sich darin befand. "Kannst du auf so was spielen?" Er schob die Kiste zu George hinüber. "Ein Harmonium", sagte George und nickte. Er kannte das Instrument gut von seinen Sessions zur Filmmusik von Wonderwall in Indien. Er löste die Blasebälge auf der Rückseite der Tastatur, begann zu pumpen und sorgte so für die Luftzufuhr, welche die Pfeifen benötigten. Seine Finger flogen über die elfenbeinernen Tasten des Instruments, während er einige indische Skalen herunterspielte. Shyamsundar öffnete eine andere Kiste und zog eine Esraj hervor, ein langhalsiges Saiteninstrument mit rundem Korpus. Er plazierte das Instrument aufrecht auf seinem Schoß und spielte ein paar gedehnte Töne, während andere Krishna-Jünger Zimbeln ergriffen. Einer nach dem anderen fiel in das Spiel und den Gesang des Mantras ein, das George so gut kannte : "Hare Krishna, Hare Krishna, Krishna Krishna, Hare Hare, Hare Rama, Hare Rama, Rama Rama, Hare Hare." Die Minuten flogen vorüber, der Schlag der Trommel wurde schneller, und schließlich endete der Kirtan in einem schwindelerregenden Crescendo aus Klängen und Gesang.




(Beatles "The Inner Light" bei YouTube)





Die Jünger verneigten sich. George tat es ihnen gleich, während Yamuna die abschließenden Gebete sprach. Die Gruppe erhob sich, erfüllt von Energie und Freude durch ihren Gesang. (Kraft durch Freude). "Das war tatsächlich etwas Göttliches", sagte  George und strich sich das Haar aus dem Gesicht. Unter diesen Leuten fühlte er sich wie ein anderer Mensch. Bis jetzt hatte er nicht gewusst, wohin er sich auf seiner Suche nach Gesellschaft hätte wenden können, es hatte niemanden gegeben, der seine wachsende Leidenschaft für spirituelle Philosophie mit ihm teilte. In vielerlei Hinsicht waren diese Jünger wie er selbst: Sie hatten in etwa dasselbe Alter; ihre Lebenserfahrung und das Bewusstsein ihrer Bedeutung in der Geschichte glichen sich. Sie hatten auf ihrer Reise zu Gott parallele Wege verfolgt, die Kindheit in der Nachkriegszeit durchlebt, ihre Erfahrungen mit Rock 'n Roll, LSD und nun mit dem mystischen Indien gemacht. Da er sich in ihrer Gesellschaft wohl fühlte, aß George mit großem Appetit, erfragte den Namen jedes Gerichts und identifizierte diejenigen, die er aus seiner Zeit in Rishikesh kannte: die Linsensuppe Dahl, Basmatireis und mit Gemüse gefüllte Samosa und Pakoras. Srila Prabhupada lehrte "Küchenreligion", witzelten die Jünger - wie man sich seinen Weg zu Gott essen konnte sozusagen. Nach der Mahlzeit lagen alle auf dem Fußboden herum, satt und kicherten wie Kinder. Gurudas geleitete George zu einem Waschbecken, wo sie ihre Hände wuschen. "Waschen ist wie singen", sagte Gurudas. "Beides ist ein reinigender Vorgang. "

Es war unglaublich. Diese Leute waren gebildete Amerikaner aus wohlhabenden Familien. Nach allem, was George über sie wusste, hätten sie aufgrund ihrer Erziehung eigentlich zu vollwertigen Mitgliedern der Konsumgesellschaft heranreifen müssen. Der amerikanische Appetit nach Besitz war ein weltweit bekanntes Persönlichkeitsmerkmal, es lag ihnen im Blut sozusagen. Doch hier waren sie, schliefen auf dem Fußboden, lebten von der Hand in den Mund, beseelt vom Glauben und wahrhaft glücklich. Es waren vielleicht die glücklichsten Menschen, die er je getroffen hatte. Ihm, der im Rampenlicht der Welt musizierte und Geld ausgab, ohne weiter darüber nachzudenken, erschien das Glück als ein schwer zugänglicher Luxus. Diese Leute waren vollkommen unbekannt und hatten augenscheinlich kaum Rücklagen, und doch strahlten sie. Wenn man es genau betrachtete, war dann ihr einfaches, glückliches und Gott geweihtes Leben nicht sinnvoller, als Millionen von Schallplatten zu verkaufen?

"Ich fühle mich hier sehr inspiriert ", sagte George zu Gurudas mit einem Lächeln, bevor sie in den Hauptraum zurückkehrten. "Ihr Typen habt alles, was ihr wollt. Schöne Musik, schöne Dinge um euch herum, tolle Sachen zu lesen, Gesprächsstoff und Familien - es ist eine ganz eigene Lebensweise, oder?" Dann entschuldigte er sich, sagte, er habe noch einen Termin im Studio, wendete sich zur Tür und lud sie ein, ihn bald bei sich zu Hause zu besuchen. Vieleicht könnte ein bisschen von diesem Lebensstil auf ihn und Pattie abfärben. Er stieg in sein Auto, winkte den Paaren, die am Fenster standen, zum Abschied zu und fuhr die Straße hinab in eine winterliche Londoner Nacht. Und, er konnte es kaum erwarten, sie wiederzusehen.!




(*) Quellenangabe für Zitate:




harifan




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