Something Forever


-Kapitel 2 Teil 2/5 -


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Ravi Shankar bring uns George!


Bevor wir ganz in die Swinging Sixties einsteigen, erlaube ich uns einen Rückblick auf das Geschehen der letzten Zeit, auf das. was alles auslöste. Wir erinnern uns, der 29. August 1966, das letzte offizielle Life-Konzert der Beatles in San Francisco, Candlestick Park, nach 15 anstrengenden Konzerten waren die Beatles überzeugt davon, dass es Zeit sei, die Massenhysteria, durch ihre Life-Konzerte verursacht, zu beenden. Denn es war schon lange kein Ton mehr zu hören für sie selbst, und die Konzerte gingen unter in einem fan wall of sound. 30. August Rückflug der Beatles über New York nach London. Auf diesem Rückflug sagte George Harrison zu Tony Barrow, dem Pressesprecher der Beatles, "Das wars für mich. ich bin kein Beatle mehr." Damit endeten offiziell die Tourneejahre für die Beatles!

Am 5. September, nachdem alle beschlossen hatten, eine Auszeit zu nehmen, begann John Lennon in Deutschland seine Außenaufnahmen zu dem Antikriegsfilm "HOW I WON THE WAR". John reiste dafür nach Celle in Niedersachsen, wo Teile des Films abgedreht werden sollten. Er spielte darin den Corporal Gripweed, ließ sich die Haare kurz schneiden und begann, eine Nickelbrille zu tragen, eine Armee-Standard-Brille, wie sie im zweiten Weltkrieg gang und gebe war. Apropos, mein Vater, der alte Fritz, hat auch so eine Nickelbrille hinterlassen aus seinen Tagen bei der Bundeswehr, welche ich aber erst nach seinem Tode erhielt und für mich gebräuchlich machen konnte. Diese Brille sollte nun das neue Markenzeichen für John werden. Während der Drehpausen, wird überliefert, schrieb John Lennon seinen Song, Strawberry Fields Forever.


("Strawberry Fields Forever" Cartoon /YouTube)



Nach einem Bericht von Neil Spencer begann der wahre Aufbruch gen Osten bei Sir George also schon am 14. September 1966, denn als er das Flugzeug nach Bombay bestieg hatte er sich zuvor auch eine kurze Frisur und ein Bärtchen zugelegt. Der Bart war nicht nur Verkleidung, nein es war auch Hipp und neu, auf den letzten Platten "Revolver" und "Rubber Soul" hatte ja noch keiner der Beatles einen Bart. Also würde ihn auch keiner im fernen Indien erkennen, so dachte man sich. George litt schon etwas darunter, dass er in Europa nicht einfach auf der Straße rumlaufen konnte wegen seines Ruhm als Beatle. Schade nur dass ein Page im Hotel Taj Mahal den Beatle trotz seines Outfits erkannte, und schneller als eine Motor-Risksha verbreitete sich die Nachricht in ganz Bombay. Innerhalb weniger Stunden erlebte Bombay einen eigenen erneuten Ausbruch der Beatlemania. Tausende Teenager belagerten die edwardianischen Burgmauern des Hotels und schrien, "George, George, Ravi Shankar bring uns George!".

In den Suiten der Musiker klingelte fortwährend das Telefon. Eine Anruferin gab sich sogar als Mrs Shankar aus und verlangte nach George. Als Mr. Shankar den Anruf annahm, änderte sie ihre Meinung. Nach ein paar Tagen und wenig wirksamen Versuchen, die Fans zu vertreiben, wurde eines deutlich, wie Ravi Shankar zusammenfasste :
"Ich konnte nicht lehren, George konnte nicht üben".
Auf einer hastig einberufenen Pressekonferenz am 19. Sept. im Taj Mahal Hotel, Apollo Bunder, Bombay erklärte der Klassik-Star, dass George " nicht als Beatle "nach Indien gekommen sei, sondern "als mein Schüler". Er bat darum, in Frieden arbeiten zu dürfen. "Nicht als Beatle!" Mit starken Nachhall dürften diese Worte in George Harrisons Ohren gewirkt haben. Er sehnte sich buchstäblich nach Flucht aus dem goldenen Beatles-Käfig. Seine Drohung, die Band zu verlassen. hatte bereits bewirkt, dass die Beatles nicht mehr auf Tour gingen.In den nächsten sechs Wochen würde der 24-jährige George entdecken wie es ist, kein Beatle zu sein. Das erste Mal seit 1960 erlebte er sich als echte Privatperson. Ob abseits am Fuße des Himalaya oder mitten drin im staubigen, geschäftigen Treiben Indiens - George Harrison entdeckte sich neu. Dieser Indienbesuch sollte nicht nur auf Harrisons Leben sowie auf die weitere Karriere des Beatles Einfluss haben, sondern auch auf die westliche Popkultur für die kommenden Jahrzehnte.

Aber zuerst war Indien am Zug und brach über den jungen Harrison mit unerwarteter Heftigkeit herein,sobald er und Ravi in einen ruhigeren Außenbezirk Bombay umgezogen waren. Nach jahrelangem Leben in bewachten Hotelzimmern und Bonzenvierteln offenbar eine überwältigende Erfahrung.
"Es ist unglaublich. Wenn du die Straße runtergehst, siehst du fahrende Busse,Taxen, Menschen auf Fahrrädern, dazwischen Hühner und Kühe. Ein Typ im Geschäftsanzug mit Aktenkoffer neben einem alten Sanyasi mit safrangelben Umhang. Alles gemischt. Ein unglaublicher Ort, der mit seinen vielschichtigen Klängen, Farben und Geräuschen deine Sinne bombardiert". erzählte Sir George später in seinen Erinnerungen. "Ich fühlte mich in der Zeit zurückversetzt. Erstmals hatte ich das Gefühl, kein Beatle, keine bloße Nummer mehr zu sein."


(George und Ravis Sitar-Lesson bei YouTube)



Ravis Sitarstunden erwiesen sich als harte Arbeit. "Es war das erste Mal, dass ich mich der Musik mit ein wenig Disziplin näherte." Langwieriges Üben von Tonleitern war ebenso angesagrt wie reichlich Yoga, um die unhandliche Sitar in der korrekten Position halten und viele Stunden ermüdungsfrei im Schneidersitz verbringen zu können. Die meisten Lektionen gab aber nicht Ravi Shankar persönlich, sondern sein erster Offizier namens Shambu das, zu dem Sir George bald eine enge Beziehung aufbaute. Vor allem beschäftigten ihn die Yogis : "Da gibt es Geschichten über Männer, die hunderte von Jahren alt sind, über Yogis, die die Levitation beherrschen, und über Heilige, die sich begraben lassen und nach Wochen immer noch leben. Ich wollte das alles mit eigenen Augen sehen." Sein Gastgeber nahm ihn mit zur antiken Tempelstadt Benares, in der sich Tausende heiliger Männer für das Ramila-Fest versammelt hatten: "Verschiedene Gruppen von Menschen, viele von ihnen singend, eine unglaubliche Mischung. Ein Maharaja, der Staub aufwirbelte, als er auf dem Rücken eines Elefanten angeritten kam. Ziemlich aufregend für mich." Nach der Besichtigung des Tempels folgen weitere Sitar-Übungen.

George Harrison, Ravi Shankar und dessen Studenten lebten zuerst in der heiligen Stadt Rishikesh, später dann in den luftigen Höhen Kaschmirs auf einem Hausboot, das auf einem See im Himalaya lag. Ein Idyll, an das sich Sir George 30 Jahre später wärmstens erinnerte: "Sie weckten uns vor dem Sonnenaufgang, brachten uns Tee und Gebäck. ich sah Boote vorbeifahren, die schwimmende Gärten zogen, und hörte, wie Ravi nebenan seine Morgenübungen abhielt, es war eine sehr priviligierte Position." Mittlerweile war Shankar für Sir George nicht nur musikalischer Guru, sondern auch spiritueller Lehrer. Immerhin gilt Musik im Hindu Glauben als göttlich. Wie die Welt bald erfahren sollte, hatte George Harrison zu Gott gefunden. Was sich ihm und John Lennon beim LSD-Trip (der "dentalen Erfahrung", so ihr Insiderwitz) angedeutet hatte, schien auf einmal Sinn zu machen!

Als Sir George Ende Oktober 1966 mit Patti nach London zurückkehrte, war er wie ausgewechselt. Ein konzentrierter Musiker ist aus ihm geworden, der in den kommenden Jahren kaum die Gitarre zur Hand nehmen und sich statt dessen dem Studium der Sitar widmen sollte. Großartige Songs flossen nur so aus ihm heraus - von jetzt an hatte er immer mehr Material, als auf den neuen Beatles Alben unterzubringen war. Nicht zuletzt war Indien für George Harrison identitätsstiftend. Aber es war nicht nur Indien, die Musik und seine erwachende Begeisterung für Religion und Philosophia. Er wußte jetzt wie es ist, kein Beatle zu sein und das hatte er den anderen voraus.

Im Rückblick erschien es Sir George, als sei er auf seinem Weg nach Indien lediglich einer Spur gefolgt. Der Plot von ihrem Film "Help" - eine parodistische Flugshow oder eine frühe comikulturartige Geschichte über gewaltbereite Jünger der finsteren Göttin Kali, die einem magischen Ring nachjagen - brachte ihm die erste Begegnung mit einer Sitar. Neil Spencer erinnert sich, "damals hatte Richard Lester für eine Restaurantszene indische Musiker verpflichtet". Alsbald folgte der zittrige Schlußteil von "Norwegian Wood" gespielt auf einer Touristen-Sitar, die er bei "Indiacraft" in der Oxford Street gekauft hatte. Dann kam das Buch. Als George am Set von "Help" seinen 22. Geburtstag feierte, fuhr völlig überraschend ein Inder mit seinem Fahrrad vor und drückte jedem Beatle ein indisches Religionsbuch in die Hand. Niemand hatte mehr als einen flüchtigen Blick dafür übrig, doch später hielt es George Harrison für einen weiteren Hinweis, der ihn auf den rechten Weg brachte. Dabei war er bei weitem nicht der Einzige, der den Ruf des Ostens vernahm. Und so wie es aussah war der Westen gerade wieder dabei, mit dem Subkontinent eine der regelmäßigen Liebesaffären zu beginnen. Seit Madam Blavatsky mit der Theosophia Mystica vor 200 Jahren das Interesse an Hinduismus und Buddhismus geweckt hatte, war indische Mystik bei westlichen Intellektuellen ein beliebtes Thema.!

Es folgten ganze Generationen, die sich den orientalischen Mysterien verschrieben, darunter der Schriftssteller und Gelehrte William Butler Yeats, der psychedelische Pionier Aldous Huxley, Schamane Prof. Dr. Timothy Leary und natürlich der fabelhafte Beat Daddy Allen Ginsberg.

Wenn man genau hinhörte in die damalige Zeit, konnte man schon das Hare Krishna Mantra mitsamt Glöckchen, Zimbeln und Trommeln in der Ferne von New York wahrnehmen, wo Allan Ginsberg zum begeisterten Anhänger des neugegründeten "Krishna-Bewusstseins" konvertiert war. Eine Bewegung, die einige Jahre später auch George Harrison erfasste. Als die Beatles sich dem Osten zuwandten, taten es alle anderen auch. Wie immer hatten Sie die kommende Stimmung als erste erfasst, und in weiser Vorausahnung auf den New Wave, hatte Meister Harrison schon einen kompletten Song für die Sitar komponiert, nämlich "Love You to"!


(Beatles "Love You To" bei YouTube)



harifan


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